Praktikum bei der POLLICHIA

Exkursion vom 19.10.2020 bis 23.10.2020 bei Michael Ochse, POLLICHIA

Mein Name ist Mia, ich bin 20 Jahre alt und komme ursprünglich aus dem Hunsrück. Für mein FÖJ in der Stiftung Natur und Umwelt bin ich nach Mainz gezogen. Ich bin in der Stiftung vor allem für den ArtenFinder zuständig, helfe aber auch bei anderen Projekten aus.

Anfang Oktober bekam ich die Gelegenheit bei der POLLICHIA, einem Verein für Naturforschung und Landespflege, ein Praktikum zu machen. Vereine und Museen bekommen immer wieder Sammlungen gespendet, so wurde auch eine Insektensammlung an die POLLICHIA gespendet. Es handelte sich vor allem um Falter, aber auch Käfer, Zweiflügler und Hautflügler waren in der Sammlung enthalten. Die Insekten wurden sehr gut präpariert und befanden sich insgesamt in einem ziemlich guten Zustand. Doch leider wurden nur die wenigsten mit ihren Fundorten versehen, womit fast die ganze Sammlung nicht wissenschaftlich zu verwerten ist. Die POLLICHIA entschied aber trotzdem, die Sammlung zu behalten und für Anschauungen und Seminare zu verwenden. Dr. Michael Ochse, Präsident der POLLICHIA, schlug mir vor, die präparierten Falter aus der gestifteten Sammlung zu sortieren, denn die Insekten waren ungeordnet in den Schaukästen gelagert. Das würde ihm eine Menge Arbeit ersparen und mir helfen, weitere Artenkenntnisse zu erlangen, die ich anschließend beim ArtenFinder anwenden und ausbauen könnte. Ich wollte auf jeden Fall weitere Erfahrungen in meinem FÖJ sammeln und hatte auch großes Interesse am praktischen Arbeiten. Also nahm ich das Angebot an.

Meine Aufgaben waren wie folgt: Ich sollte die Schmetterlinge nach Familie und Art in Schaukästen einsortieren, als Hilfe gab mir Michael Bestimmungsbücher und zeigte mir mit welcher Familie ich anfangen könnte, damit es am Anfang nicht allzu schwer war. Ich fing also mit den Weißlingen (Pieridae) an. Ich sortierte erst die Kisten in welchen keine Weißlinge waren aus, um einen besseren Überblick zu bekommen. Dann musste ich die Kästen erst einmal aufbekommen bevor ich starten konnte. Der Besitzer der Sammlung hatte die Kisten mit Klebeband an allen Rändern sehr sorgfältig verschlossen. Manche waren sogar mit kleinen Schrauben zugeschraubt. Dies ist bei Insektensammlungen notwendig, da selbst durch kleine Öffnungen Tiere und Pilze eindringen können, welche die Sammlung beschädigen. Bekannt dafür ist beispielsweise der Kabinettkäfer (Anthrenus museorum), welcher auch Museumskäfer genannt wird. Die meisten Kisten waren auch sehr groß und schwer, was die Sache nicht gerade vereinfachte. Erst nachdem ich alle Kisten geöffnet hatte konnte ich die einzelnen Weißling-arten in einen neuen Schaukasten einsortieren. Da wir nachmittags noch zu einem anderen Termin fuhren, schaffte ich an meinem ersten Tag nur wenige Schmetterlinge richtig einzusortieren. Bei dem Termin handelte es sich um eine Frau, welche durch eine Erbschaft in den Besitz von einigen ausgestopften Tieren gekommen war. Diese wollte sie dem POLLICHIA-Museum stiften. Dazu rief Sie Michael an und fragte, ob er sich die Tiere mal anschauen wolle. Michael erzählte mir, dass das Museum bereits über eine Vielzahl ausgestopfter Tiere verfügt. Da aber ein Auerhahn dabei war, wollte er gern mal vorbeischauen. Die meisten Tiere waren leider zu sehr dem Sonnenlicht ausgesetzt gewesen und waren daher nicht mehr für Ausstellungen brauchbar. Zudem hatten die Präparate auch keine Informationen zum Fundort oder Funddatum, was sie wiederum wissenschaftlich unbrauchbar machten. Nur der Auerhahn und eine Eule waren noch in einem guten Zustand also nahmen wir diese mit.

 

Am nächsten Tag ging es weiter mit der Schmetterlingssammlung. Zu den Tagfalterfamilien in den Schaukästen gehören noch die Dickkopffalter (Hesperiidae), die Edelfalter (Nymphalidae), Ritterfalter (Papilionidae) und die Bläulinge (Lycaenidae), welche ich alle, in den nächsten Tagen sortierte. Bei den Tagfaltern ist das Auseinanderhalten der einzelnen Bläulings-Arten am schwierigsten. Man muss vor allem auf die Rückseiten der Flügel schauen und dort kleine bestimmungsrelevante Unterschiede feststellen, um die einzelnen Bläulings-Arten unterscheiden zu können.

Es waren ca. 15 Kästen und die Insekten waren so unsortiert, dass man in jedem einzelnen Kasten nachgucken musste ob ein Schmetterling, den man gerade suchte, in einem der Kästen zu finden ist. Oft übersah ich einzelne Exemplare, die ich dann im Nachhinein zu der jeweiligen Artengruppe dazu sortieren musste. Am Anfang dauerte es meist etwas länger doch als ich mir einen genaueren Überblick über eine Familie verschafft hatte, ging alles etwas schneller.

 

Ich war erstaunt als Michael mir half, wie schnell er die einzelnen Arten bestimmen und einsortieren konnte. Dabei merkte ich, dass er sich jahrelang mit Schmetterlingen befasst hat, denn nicht nur das Bestimmen fiel ihm leicht, er hatte auch viele Hintergrundinformationen zu den einzelnen Arten. Für mich war das Sortieren eine Herausforderung, doch genau dieses praktische Arbeiten mit den Schmetterlingen und das genaue Anschauen einer Art hat mir viel gebracht. In der kurzen Zeit des Praktikums habe ich zwar nicht alle Artennamen und Familiennamen auswendig gelernt, doch weiß ich jetzt oft nur vom Anschauen eines Falters in welche Familie das Tier gehört. Ich konnte einen guten Überblick bekommen auf welche Merkmale ich achten muss, um einen Falter zu bestimmen. Ich denke aber um ein wirklicher Experte zu werden muss man sich sehr lange mit einer Organismengruppe beschäftigen.

 

Damit ich auch mal lebendige Falter zu Gesicht bekomme, machten Michael und ich einen Lichtfang mit einer Nachtfalter-Lampe. Es handelte sich dabei um eine Lampe mit hohem Anteil an blauem oder UV-Licht. Dieses lockt in der Nacht Falter an. Als wir abends rausgingen, um nachzuschauen welche Nachtfalter von dem Licht angelockt wurden, sahen wir leider nur wenige. Trotzdem bestimmten wir die wenigen Exemplare. Eine Hausmutter (Noctua pronuba) kam immer wieder angeflogen. Man kann sie an ihren gelben Hinter Flügeln mit dem dunklen Querstrich gut erkennen. Eine andere Motte nahm ich auf den Finger um sie genauer anzuschauen. Es war ein Blaukopf (Diloba caeruleocephala). Irgendwann fing der Blaukopf an zu zittern. Ich fragte Michael warum er das tut. Er erklärte mir, dass die Muskeln der Nachtfalter eine bestimmte Temperatur haben müssen um fliegen zu können, um sie aufzuwärmen zittern sie dann mit den Flügeln. Wir sahen zwar nur wenige Nachfalter, aber dafür noch viele Wanzen, welche die Hauswand hochkletterten und auch ein paar Sichelschrecken. Michael erklärte mir, dass es zwei ähnliche Sichelschreckenarten in Deutschland gibt, die man nur durch genaues Hinschauen unterscheiden kann. Da wäre einmal die Gemeine Sichelschrecke (Phaneroptera falcata), die bei uns heimisch ist und die Vierpunktige Sichelschrecke (Phaneroptera nana). Die Vierpunktige Sichelschrecke ist ursprünglich in Südeuropa beheimatet und ist in unsere Region eingewandert. Wahrscheinlich profitiert die Art vom Klimawandel und kann sich durch die wärmeren Temperaturen bei uns ausbreiten. Man kann sie anhand der Halsschild-Seitenlappen oder des Hinterleibs unterscheiden. Die Halsschild-Seitenlappen bei der Vierpunktigen Sichelschrecke sind höher als lang. Bei der Gemeinen Sichelschrecke sind die Seitenlappen des Halsschildes abgerundet und etwas breiter als hoch. Bei Michael an der Hauswand fanden wir nur die eingewanderte Vierpunktige Sichelschrecke.

 

Mit der Zeit merkte man, wie die Kästen weniger und leerer wurden, bis nur noch die Nachtfalter übrig waren. Von diesen gab es dann nur noch wenige einfache Arten wie die Familie der Bärenspanner (Arctiinae) oder auch die der Glucken (Lasiocampidae). Aus dieser Gruppe gab es nur noch ein paar einzelne Arten, die man gut herausfiltern konnte, denn bei den Nachtfaltern gibt es viele braune Arten, welche alle schwer auseinander zu halten sind. Dies war leider in der kurzen Zeit des Praktikums nicht sicher zu erlernen, deshalb sortierte ich nur die einfachen Arten heraus und sortierte sonst viel mit Michael zusammen. Wenn Michael mal keine Zeit hatte zum gemeinsamen bestimmen, filterte ich Fliegen, Mücken und Käfer heraus. Somit wurden die schweren Kisten leerer und weniger und die verschiedenen Arten waren schon einmal für Michael vorsortiert, damit er beim „feinen“ Sortieren weniger Arbeit hatte.

Die Woche neigte sich dem Ende zu. Die Kisten wurden immer schneller leerer und weniger. Nur noch ein paar Kisten, mit den Braunen Nachtfaltern blieben übrig, die Michael später einsortieren würde.

 

Am meinem letzten Tag zeigte mir Michael noch einen Artikel, in dem es um photonische Kristalle ging. Viele Schmetterlinge haben Farbpigmente in den Flügelschuppen, welche zum Erscheinen der Farben führen. Einige haben aber photonische Kristalle zum Beispiel viele von den Schillerfaltern. Diese Kristalle haben keine eigene Farbe, dieses leuchtende Blau entsteht erst durch die Brechung des Lichtes, ähnlich wie bei einem Regenbogen. Um die Schuppen der Schmetterlingsflügel sehen zu können, schauten wir uns diese unter einem Mikroskop an. Hätte man die leuchtend blauen Flügelschuppen noch näher betrachtet würde man die blaue Farbe nicht mehr sehen können.

Wir schauten uns die geleistete Arbeit an und Michael erzählte mir noch viel über Schmetterlinge. Er erzählte mir auch, dass es nur noch wenige Menschen wie ihn gibt, die sich mit einer oder mehreren Arten besonders gut auskennen und sie werden auch immer weniger. Dabei sind diese Experten die fachliche Basis des Naturschutzes. Sie übernehmen auch eine wichtige Funktion als „Frühwarnsystem“, denn sie erkennen Veränderungen durch ihre Arbeit im Gelände oft viel früher als die Wissenschaftler in den Laboren. Artenkenner werden dringend gesucht. Michael erzählt, dass es zu früheren Zeiten immer ein paar Artenkenner gab, es waren zwar auch nicht viele, doch nie so wenige wie heute. Das liegt vor allen auch daran, dass in der Schule ein anderer Schwerpunkt in der Biologie festgelegt wurde. Früher hatte jeder Lehrer einige Artenkenntnisse und konnte diese seinen Schülern weitergeben. Doch heute besitzt diese Kenntnisse kaum noch ein Lehrer.

 

Während er erzählte, merkte ich wie sehr er sich für Schmetterlinge und Naturschutz begeisterte und einsetzte, da er so erstaunlich viel darüber wusste und mir so viel erzählen konnte. Ich bin froh auch einmal in diese Welt hineingeschaut zu haben und dadurch viele Erfahrungen gesammelt zu haben.